Die Schiffs- und die Flugnavigation sind vielfach und eingehend bearbeitet, aber es gab kein vergleichbares Lehr- und Nachschlagebuch für Fuß-, Ski-, und Wasserwanderer. Das vorliegende Buch will diese Lücke schließen. Gearbeitet wird dabei ausschließlich mit Hilfsmitteln, die in die Taschen der Wanderkleidung passen.
Orientierung ist Mittel zum Zweck. Das Ziel, Unabhängigkeit und Sicherheit in unbekanntem Gelände, verlangt die Fähigkeit, eine Tour nach der Karte zu planen und sie mit den für Wanderer geeigneten Verfahren und Hilfen auch unter widrigen Bedingungen durchzuführen. Denn hinter den Alltagsfragen "Wo steh ich?", "Was seh ich?", "Wohin geh ich?" tauchen unvermeidlich weitere auf, vor allem bei Kartenmängeln, Gelände- und Sichthindernissen, in merkmalsarmem Gelände, bei unbekannter Missweisung und nicht bestimmbaren Landmarken.
Der Wanderer
arbeitet zwar mit denselben vier Hauptarten der Navigation wie die See- und
Luftfahrt, doch mit anderen Schwerpunkten und Hilfsmitteln:
• Sichtnavigation (der Normalfall),
• Koppelnavigation (Standort aus Kurswinkel und Entfernung),
• Himmelsnavigation (hier: Richtung/Missweisung nach Sonne und
Sternen),
• elektronische Navigation (hier: GPS und Verschütteten-Suchgerät).
Kompassarbeit ist Winkelmessung. Aber sicheres
Orientieren
verlangt mehr als ein paar Kompass-Handgriffe oder
GPS-Tastendrucke:
• das Kartenbild deuten, die Rahmen– und Randangaben der Karte auswerten
• die für Wanderer
tauglichen Orientierungshilfen bewerten und einsetzen
• die Verfahren zur Kurs- und Standortbestimmung beurteilen und anwenden
• die örtliche
Missweisung selbst ermitteln und ausgleichen
• sicher mit geografischen und UTM-Koordinaten umgehen
• in Karten ohne Gitter das UTM-Gitter selbst einzeichnen
• Sonnenstand und Tageslänge berechnen und berücksichtigen
• die einschlägigen Funktionen von Taschenrechner und GPS nutzen
• in
Orientierungs-Notlagen angemessen handeln
• die Karte berichtigen und ergänzen
• den Fachwortschatz beherrschen.
Das Buch führt
Einsteiger in den Umgang mit Karte und Kompass ein und vermittelt auch das
Hintergrundwissen, das erst unabhängig macht.
Fortgeschrittene erfahren, wie weitere Hilfsmittel die Arbeit
erleichtern, die Möglichkeiten erweitern und die Sicherheit steigern:
Höhenmesser, Uhr, GPS, Schrittzähler,
Taschenrechner, Deklinationstabelle, Vordrucke und selbst gefertigte Hilfen. Als
Rucksack- und Nachschlagebuch beantwortet es Fragen, die sich unterwegs
erst stellen, und hilft, das geeignete Verfahren für die gegebene Lage zu
finden. Für Geocaching bietet es Hinweise zu anspruchsvolleren
Suchaufgaben.
Der Inhalt beruht auf jahrzehntelangem praktischen und theoretischen Umgang mit den einschlägigen Orientierungshilfen, auf Fuß-, Ski- und Faltbootwanderungen in Mitteleuropa, Skandinavien, Kanada/USA und Südamerika, auf meinen Erfahrungen im Lehrteam des Internationalen Wildnisführer-Verbands und meinen eigenen Orientierungs- und Kartierungskursen.
Die bekannten Handgriffe sind um eine Reihe neuer Verfahren erweitert. Für alle gelten die Vorbehalte "Wenn es das Gelände erlaubt" und "Wenn diese Genauigkeit erwünscht ist".
Landschaftliche Besonderheiten sind ebenso berücksichtigt wie die Verhältnisse jenseits des Polarkreises, auf der Südhalbkugel und zwischen den Wendekreisen. Wo sich Orientierungsaufgaben auf mehrere Arten lösen lassen, sind sämtliche gangbaren Wege beschrieben. So können auch Wanderer die Forderung erfüllen, jede wichtige Entscheidung anhand von zwei unabhängigen Verfahren zu treffen.
Alle vorgeschlagenen Verfahren sind geländetauglich und gelten weltweit, in den Bergen wie im Urwald, in der Wüste wie - bei gelegentlicher Landsicht - auf dem Wasser. Wer sie beherrscht, ist auf diesem Gebiet expeditionsreif.
Begriffe, Schreibweise und Abkürzungen folgen dem Gebrauch der Kartografie (Ausnahme: 101), fallweise ergänzt nach DIN 13312 für die Navigation in der See- und Luftfahrt. Für Abkürzungen sind griechische Buchstaben durch die Anfangsbuchstaben der deutschen Begriffe ersetzt außer für a, b, g (Alpha, Beta, Gamma für die Dreieckswinkel) und D (Delta für Differenz, Unterschied). Bei den Verweisen wird für Textstellen die Seitenzahl genannt, für Abbildungen und Übersichten (z. B. 1-01) mit der ersten Ziffer der Buchteil, mit den folgenden die laufende Nummer innerhalb dieses Teils.